Automatisierung

Die sieben häufigsten Fehler bei der Prozessautomatisierung

Von der mitautomatisierten Unordnung bis zur Schnittstelle, die niemand wartet: die Fehler, die in KMU am meisten Geld kosten — und wie man sie vermeidet.

Nikola Kolevski Aktualisiert: 2026-08-20 Lesezeit: 10 Min.

Prozessautomatisierung ist eine der wenigen Investitionen, deren Nutzen sich vorab ausrechnen lässt. Trotzdem scheitern viele Vorhaben — selten spektakulär, meist leise: Die Automatisierung läuft noch, aber niemand vertraut ihr; oder sie wurde abgeschaltet, weil sie mehr Rückfragen erzeugte als sie Arbeit ersparte. Die folgenden sieben Fehler erklären den grössten Teil dieser Fälle.

1. Die Unordnung wird mitautomatisiert

Ein schlechter Prozess wird durch Automatisierung nicht besser, sondern schneller schlecht. Wenn ein Auftrag heute durch vier Freigaben läuft, von denen zwei niemand mehr begründen kann, dann automatisiert man anschliessend zwei überflüssige Freigaben — dauerhaft, und mit Wartungsaufwand.

Die Gegenmassnahme kostet keine Woche: Beim Aufnehmen des Ablaufs wird zu jedem Schritt gefragt, was passieren würde, wenn er entfiele. Erstaunlich oft lautet die Antwort «nichts». Erst der bereinigte Ablauf wird automatisiert.

2. Der falsche Startpunkt

Ausgewählt wird häufig der Ablauf, der am meisten stört. Das ist verständlich, aber selten richtig. Der störendste Ablauf ist oft der mit den meisten Ausnahmen — und Ausnahmen sind der teuerste Teil jeder Automatisierung.

Nutzen entsteht aus Häufigkeit mal Zeitaufwand. Aufwand entsteht aus der Zahl der Sonderfälle. Der beste Einstieg maximiert das eine und minimiert das andere.

Praktisch heisst das: Ein einfacher Ablauf, der 300-mal im Monat läuft, ist ein besserer Start als ein komplizierter, der zwanzigmal läuft — auch wenn Letzterer emotional mehr Aufmerksamkeit hat.

3. Keine Fehlerbehandlung

Dies ist der Fehler mit den grössten Folgen. Eine Automatisierung, die bei einer Störung stillschweigend nichts tut, ist gefährlicher als gar keine Automatisierung: Alle verlassen sich darauf, und niemand merkt, dass seit elf Tagen keine Rechnung mehr weitergeleitet wurde.

Zu jeder produktiven Automatisierung gehören deshalb vier Bestandteile:

  • Protokollierung. Was ist wann mit welchem Ergebnis gelaufen?
  • Benachrichtigung. Fehler gehen an eine benannte Person, nicht an ein Sammelpostfach.
  • Wiederholbarkeit. Ein fehlgeschlagener Durchlauf lässt sich nach der Korrektur erneut starten.
  • Notweg. Ein dokumentierter manueller Ablauf für den Fall, dass die Automatisierung länger ausfällt.

4. Sonderfälle werden erst im Betrieb entdeckt

Getestet wird gern mit dem Musterfall: der vollständig ausgefüllten Bestellung, der sauber gescannten Rechnung, dem Kunden mit allen Stammdaten. Der Alltag sieht anders aus. Ein leeres Pflichtfeld, ein Umlaut im Dateinamen, ein Betrag mit Fremdwährung, ein doppelt erfasster Kunde — jeder dieser Fälle entscheidet über die Alltagstauglichkeit.

Wirksam ist ein kurzer Parallelbetrieb: Für zwei bis vier Wochen läuft die Automatisierung mit echten Vorgängen mit, während der bisherige Weg weiterläuft. Die Abweichungen zwischen beiden sind die Liste der Sonderfälle — und zwar die vollständige.

5. Niemand ist zuständig

Automatisierungen sind keine Möbel; sie brauchen Pflege. Schnittstellen ändern sich, Zugangsschlüssel laufen ab, Formulare bekommen ein Feld dazu. Wenn niemand benannt ist, bemerkt das erst jemand, wenn es kracht.

Nötig ist keine neue Stelle, sondern eine Person mit einer klaren Rolle: Sie erhält die Fehlermeldungen, kennt die Dokumentation und weiss, wen sie bei Bedarf hinzuzieht. Idealerweise war sie bei der Umsetzung dabei — nicht als Beobachterin, sondern als Beteiligte.

6. Der Nutzen wird nie gemessen

Ohne Ausgangswert bleibt jede Bewertung Meinung. Und ohne Zahlen fehlt das Argument für die nächste Automatisierung — weshalb viele Unternehmen nach dem ersten Erfolg trotzdem stehen bleiben.

Der Aufwand dafür ist gering. Zwei bis vier Wochen vor dem Start werden drei Werte erhoben: Anzahl der Durchläufe, durchschnittliche Bearbeitungszeit, Anzahl der Korrekturen. Dieselben Werte werden vier Wochen nach dem Start erneut gemessen. Das genügt, um die Wirkung zu belegen oder zu widerlegen.

KennzahlVorher erhebenNachher vergleichen
Durchläufe pro MonatAus dem System oder gezähltAus dem Protokoll
Bearbeitungszeit pro VorgangStichprobe über zwei WochenRestliche Handarbeit messen
Korrekturen und RückfragenZählen, nicht schätzenAus Fehlermeldungen und Rückfragen
Durchlaufzeit Eingang bis ErledigungAus DatumsfeldernAus denselben Feldern

7. Abhängigkeit von einer einzigen Person oder Firma

Der letzte Fehler zeigt sich erst spät: Die Automatisierung läuft seit zwei Jahren, aber niemand im Unternehmen weiss, wie. Der Umsetzer ist nicht mehr erreichbar, die Zugänge liegen in einem privaten Konto, und die Logik existiert nur als Klickstrecke ohne Beschreibung.

Dagegen helfen einfache Vereinbarungen, die vor Projektbeginn getroffen werden: Zugänge laufen auf Unternehmenskonten, nicht auf Personen. Es gibt eine Dokumentation mit Zweck, Ablauf, Zugängen und Fehlerbehandlung. Benennungen sind sprechend. Und die Automatisierung ist so gebaut, dass sie auch jemand anderes übernehmen kann.

Kurze Checkliste vor dem Start

  • Ist der Ablauf bereinigt — oder wird Unordnung mitautomatisiert?
  • Ist der Startpunkt nach Häufigkeit und Sonderfällen gewählt, nicht nach Ärgernis?
  • Sind Protokoll, Benachrichtigung, Wiederholung und Notweg vorgesehen?
  • Ist ein Parallelbetrieb mit echten Vorgängen eingeplant?
  • Gibt es eine benannte zuständige Person im Unternehmen?
  • Sind die Ausgangswerte erhoben?
  • Laufen Zugänge auf Unternehmenskonten und existiert eine Dokumentation?

Fazit

Keiner dieser sieben Fehler ist technischer Natur, und keiner erfordert zur Vermeidung besonderes Fachwissen. Sie entstehen, weil die unspektakulären Teile eines Automatisierungsvorhabens — aufräumen, messen, dokumentieren, Zuständigkeit klären — weniger Aufmerksamkeit bekommen als der sichtbare Aufbau. Wer sie ernst nimmt, hat nach dem ersten Projekt nicht nur eine laufende Automatisierung, sondern auch die Grundlage für die zweite.

Häufige Fragen

Womit soll man bei der Automatisierung anfangen?

Mit dem Ablauf, der am häufigsten vorkommt und am wenigsten Ausnahmen kennt — nicht mit dem, der am meisten nervt. Häufigkeit multipliziert mit Zeitaufwand ergibt den Nutzen; die Zahl der Ausnahmen bestimmt den Aufwand. Der beste Startpunkt hat einen hohen ersten und einen niedrigen zweiten Wert. Der nervigste Ablauf ist oft genau umgekehrt gelagert und deshalb ein schlechter Einstieg.

Reicht eine Plattform wie Make oder n8n, oder braucht es Programmierung?

Für die meisten Abläufe in KMU reicht eine Plattform. Sie ist schneller aufgebaut, für Dritte nachvollziehbar und benötigt keine eigene Betriebsumgebung. Programmierung lohnt sich, wenn sehr grosse Datenmengen verarbeitet werden, wenn die Logik viele Sonderfälle enthält oder wenn ein System keine brauchbare Schnittstelle anbietet. Ein häufiger Mittelweg: die Plattform steuert den Ablauf, ein kleines Skript übernimmt den kniffligen Teil.

Was kostet der Betrieb einer Automatisierung?

Zwei Positionen: die Plattformkosten, die sich meist nach der Zahl der Durchläufe richten, und der Wartungsaufwand. Letzterer wird regelmässig unterschätzt. Schnittstellen ändern sich, Zugänge laufen ab, Formate werden angepasst. Realistisch ist, pro laufender Automatisierung mit einem kleinen jährlichen Wartungsbudget zu rechnen — deutlich weniger als die eingesparte Arbeitszeit, aber eben nicht null.

Wie verhindert man, dass niemand mehr versteht, wie es funktioniert?

Durch drei Dinge: eine Dokumentation, die Zweck, Ablauf, Zugänge und Fehlerbehandlung auf wenigen Seiten beschreibt; sprechende Benennungen statt «Szenario 4 Kopie»; und eine benannte zuständige Person im Unternehmen, die bei der Umsetzung dabei war. Automatisierungen, die nur die Beratung versteht, sind ein Risiko — unabhängig davon, wie gut sie funktionieren.

Sollte man einen Prozess erst optimieren oder direkt automatisieren?

Erst aufräumen, dann automatisieren — aber ohne daraus ein eigenes Grossprojekt zu machen. Ein Ablauf mit überflüssigen Freigabeschritten wird durch Automatisierung nur schneller überflüssig. Es genügt meist, beim Aufnehmen des Ablaufs die Frage zu stellen, ob jeder Schritt tatsächlich gebraucht wird. Häufig fällt dabei bereits ein Drittel weg, bevor überhaupt Technik ins Spiel kommt.

Über den Autor

Nikola Kolevski

Inhaber & Berater für digitale Transformation · Luzern, Schweiz

Nächster Schritt

Welcher Ablauf wäre in Ihrem Betrieb der richtige Start?

Im kostenlosen Erstgespräch von 30 Minuten schauen wir uns einen konkreten Prozess an und schätzen Aufwand, Nutzen und Sonderfälle grob ein.